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My only nobody...

 

Ich liege im Bett, eng zusammengekauert. Ich friere erbärmlich und dennoch spüre ich Millionen kleiner Schweißperlen. Hunderttausende davon vereinigen sich zu Bächen und überströmen meinen Rücken, meine Beine, meinen Bauch.
Meine Stirn ist schweißnass.
Ich drehe mein Gesicht nach unten ins Kissen, um das eklige feuchte Gefühl loszuwerden. Ich rieche den fast modrigen Geruch des Überzugs, der eingezogene Rauch, darauf verschütteter Alkohol.

Angewidert drehe ich meinen Kopf wieder auf die Seite und schnappe nach Luft. Ich atme warme verbrauchte und nach Rauch riechende Luft ein.
Meine Stirn ist trocken, doch nur für eine Sekunde... schon beginne ich wieder zu schwitzen.
Ich klammere mich zitternd an meinen eigenen Knien fest, presse die Augen zusammen, versuche die unzähligen rasenden Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen, doch denke ich schon wieder einen neuen. Es hat keinen Zweck. Ich ertappe mich dabei, dass meine Augen schon wieder offen stehen, ich in den Raum starre und nachdenke.

Meine Hände rutschen an den Beinen ab, mein Unterhemd klebt mir rundherum am knochigen Körper. Die Decke beginnt feucht zu werden und durch die Feuchtigkeit schwitze ich noch mehr und ein Kälteschauer durchzuckt meine Beine. Irgendwo ist ein Loch in der Decke, das "frische Luft" herein lässt.

Testweise strecke ich einen Fuß unter der Decke hervor, nur um ihn - einen leichten Aufschrei vor Kälte unterdrückend - wieder zurückzuziehen. Es hat keinen Sinn, weiter schlafen zu wollen. Meine Augen sind ruhelos, zappeln hin und her, selbst wenn ich die Lider schließe. Meine Zähne mahlen unaufhörlich, nur wenn ich darauf aufmerksam werde, weil ich sie ausversehen fest zusammen gepresst habe, achte ich darauf, meine Kiefermuskeln nicht zu nutzen und doch mahlen sie nach wenigen Sekunden längst wieder weiter.
Kurz überlege ich, aufzustehen und meine Wohnung zu putzen und aufzuräumen doch das ist schnell vom Tisch. Ich weiß, ich würde mich nur in irgendeinem Detail verlieren... ich würde alte Briefe oder Fotos finden und nicht aus noch ein wissen und nach Stunden des sinnlosen Stöberns und Grübelns wäre die Nacht vorbei, meine Wohnung noch eine Ecke unordentlicher und ich fix und fertig.

Nein, Wohnung putzen fällt aus.
Ich wälze mich auf die andere Seite... ein ekliges Gefühl. Ich spüre den Schweiß in jeder Hautfalte, in den Kniekehlen, den Achselhöhlen.
Die Matratze ist ebenfalls längst feucht, zumindest wo ich lag.
Ich trete kurz von unten gegen die Bettdecke und sie hebt sich ein Stück und senkt sich sofort darauf wieder.
Ein eisiger Luftzug lässt jeden Schweißtropfen auf meinem Körper gefrieren.
Ich fühle mich trocken und sauber, doch nur für eine Sekunde. Die Decke senkt sich und es fühlt sich an wie vorher. Nur meine Beine Zittern vor Kälte und überall am Körper habe ich Gänsehaut.

Meine Zähne mahlen, meine Augen starren und zappeln, mein Gehirn rast.
Ich weiß noch immer nicht, was ich tun soll.
Mein Notebook und der Monitor daneben glotzen mich aus drei Meter Entfernung an. Sie scheinen den Raum fast taghell zu machen, ein grelles, störendes Licht, doch ich weiß... Licht ist nicht das Hindernis zum Schlaf.
Mein Blick schweift durch mein Zimmer... mit müden tief in den Höhlen liegenden Augen erkenne ich den großen abgeklebten Schriftzug an meiner Wand. Ein Relikt, ein Überbleibsel aus meinem früheren Leben.
Daneben habe ich einen Teppich in Form einer Frau an die Wand genagelt. Dieser hat angeblich 200 Mäuse gekostet und ist von einem... Teppichdesigner?

Ich erinnere mich, als ich den Teppich bekam. Es war mein Geburtstag und meine damalige Freundin hatte mich gerade erst verlassen. Es ging mir beschissen - nicht so sehr wie heute, aber dennoch - und meine Schwester schenkte mir den Teppich in Form einer ermordeten am Boden liegenden Frau. So sah er jedenfalls für mich aus. So wie diese Kreidestriche, die um Leichen gezeichnet werden, um die Position für nach der Entfernung der Leiche festzuhalten.

An der Wand, mit Blumenketten und einer kleinen Discokugel geschmückt sieht der tote Frauenteppich allerdings unheimlich stylisch aus.
Ich flüchte in Gedanken.... von Einem zum Anderen, unausweichlich, unaufhaltsam, unaufhörbar.

Soll ich nun aufstehen oder nicht? Ein paar Kälteschauer jagen durch meinen Körper und plötzlich packt es mich, ES REICHT! Es hat keinen Sinn sich von sekündlichen von Misserfolg geprägten Versuchen zu schlafen fix und alle machen zu lassen.
Mit gespanntem Körper schieße ich aus dem Bett, renne zu meinem Schrank und ziehe mir wild Klamotten über. Ich fühle, wie die lange Unterwäsche meinen Körper trocknet und sofort leicht wärmt. Darüber noch eine Hose, T-Shirt, noch ein T-Shirt, Pullover und bis mir warm ist noch meine Lederjacke...

Ich drehe mir eine Zigarette, sitze stumm da und rauche. Ich ziehe lang und stark und bereue es sofort. Ich habe vergessen, dass ich nur Billigtabak habe.
Billigtabak ist noch nett ausgedrückt. Dieser hier heißt tatsächlich so und in großen neonfarbenen Lettern prangt "gut! billig! schmeckt! über dem lächerlichen Titel.
Wahnsinn, der Hersteller verspricht doch glatt mindestens 45 Lungentöter. Ich habe das Gefühl, dieser Tabak wird mir das Rauchen abgewöhnen oder mich umbringen, denn oh Wunder, er schmeckt nicht.

Mein Blick fällt auf das schwarze Schränkchen, auf dem mein alter Röhrenfernseher und ein Hamsterkäfig ruhen.
Der Hamster ist längst tot - er hieß "Karl" - aber auch sein Käfig stammt noch aus jener Zeit, jenem Leben, das ich hatte und wird deswegen immer da stehen bleiben.
Schon wieder könnte ich abdriften, mich verlieren in Gedanken... an "Karl", an mein vergangenes Leben.

Ich stehe von meinem Schreibtischstuhl auf, wo ich stumm rauchend grübelnd, mit mahlenden Zähnen gesessen habe, und knie mich vor das Schränkchen. Drei Schubladen, von der mittleren hängt die windige Holzblende herab.
Ich weiß, was sich dahinter befindet... will es nicht und tue es doch... entferne die Blende vollends und greife nach dem Stapel Briefe. Ich lasse ihn vor mich auf den Boden fallen und breite ihn auseinander.
Der erste Brief, den ich entfalte ist von einer Schulfreundin. Wir haben uns nur aus Spaß kleine Briefe geschrieben... ist verdammt lange her. Ich erinnere mich an sie... Christina. Eigentlich kam ich nur mit ihr ins Gespräch, weil ich auf ihre beste Freundin stand, die aber nicht auf mich. Zuletzt habe ich den Kontakt zu beiden verloren, das war noch lange, bevor ich von der Schule ging. Später habe ich die beiden noch ein paar Mal wiedergetroffen und nach Jahren habe ich damals jener besten Freundin meine damalige Liebe gestanden - im Suff, wie sollte es auch anders sein. Es war eine Katastrophe. Der gerade neu aufgelebte Kontakt war pulverisiert. (Pulverisieren kann ich besonders gut!)

Ein weiterer Brief... ich lese nur "Herzchen" und lasse die Finger davon. Soviel Liebe... soviele wunderbare liebende Menschen... soviel Leid.
Ein weiterer Brief... "ich kann nicht mehr, mein Kopf ist leer, mein Herz fühlt sich nur noch kalt an, seitdem Du mir in aller Deutlichkeit gesagt hast, dass Du mich nicht liebst..."
Mir wird schlecht.
Ich erinnere mich an 8 Monate Beziehung voller Liebe und vorallem gemeinsamen Drogenkonsums, aber auch voller Entzug, Frust, Streit und animalisch häufigen und nahezu zweckmäßigen Sex.
Ein Ende, wie es in keinem Buch steht, das man lesen möchte. Einseitiger Schmerz, einseitige Kälte. Aus ihrer Liebe wurde Hass und daraus Gleichgültigkeit.

Wieder fische ich einen Brief aus dem Haufen und mein Atem setzt aus, als ich die erste Zeile der Rückseite meines zuletzt erhaltenen Briefs lese "Schulter an Schulter, Rücken an Rücken, Kopf an Kopf mit Dir liegen, die Sterne betrachten und einfach nur träumen. Uns träumen, würdest Du mitmachen?"
Obwohl es wie gestern für mich ist, kann ich mich kaum erinnern. Wer ist das, die dies schrieb? Wo ist sie? Kenne ich sie? Kannte ich sie je?
Ich überfliege die Zeilen von Anfang an und Wut steigt in mir auf. Als hätte ich ihn gerade erst erhalten und als hätte mir die Schreiberin diese Worte ins Gesicht gesäuselt schreie ich zurück! Warum! Ich habe Dich nie ausgelacht! Ich hätte Alles gemacht, Alles.
"und ich würde gern vor Gott beteuern, dass es nie jemanden außer Dich geben wird - ich kann und werde Dich niemals verlassen"

Hass ergreift mich... Hass auf diese Worte, Hass auf meine Augen, die sie lesen und mein Gehirn, das sie begreift. Hass auf die Realität und Hass auf mich selbst.
Meine Zähne haben die ganze Zeit vor sich hingemahlt, doch jetzt presse ich sie fest zusammen, spanne meinen ganzen Körper an und greife fest mit beiden Händen in den Brief... er zerknüllt seitlich leicht... ich reiße daran, doch noch bevor ich überhaupt Kraft anwenden kann, schwindet sie mir...

Reue, Sehnsucht und Trauer nehmen mir jeden Wind.. ich sinke in mich zusammen.. starre mit zappelnden Augen auf den Haufen Briefe.
Ich wusste es. Ich hätte garnicht erst damit anfangen sollen, jetzt sitze ich noch tiefer im Loch als vorher.
Mit plötzlicher Entschlossenheit klaube ich den Haufen wieder zu einem Stapel zusammen, verstaue diesen an seinem alten Platz und bastle die Blende wieder an die Schublade. Als ich aufstehe und mich für eine weitere Zigarette auf meinen Stuhl setze, fällt die Blende mit einem lauten Hölzernen Krachen wieder herunter.

Ich kicke sie nur unter das Schränkchen...

25.3.11 02:26
 
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